Patienteninformation

Patienteninformation zum Thema „Trinken“

„Jeder Arzt rät ihnen, trinken sie viel – das ist wichtig!“ wird auf der Homepage eines großen, französischen Getränkeherstellers für natürliches „Mineralwasser“ propagiert. Zusätzlich zu der täglichen Flüssigkeitsaufnahme durch die Nahrung von etwa 1 Liter solle man zusätzlich 1,5 Liter „natürliches Mineralwasser“ trinken. Wichtig sei, bereits vor dem Auftreten von Durst zu trinken, da bei Durst bereits 0,5% des Körperwassers verloren gegangen seien und damit das Blut „dicker“ werde und „langsamer fließe“.

Dies hätte bereits eine Minderdurchblutung der Muskeln und Gehirnzellen zur Folge und würde zur Abnahme der Leistungsfähigkeit und Konzentrationsfähigkeit führen.


Der Nährstoff Wasser ist quantitativ der wichtigste Bestandteil des menschlichen Körpers. Je nach Alter, Geschlecht und Körperzusammensetzung variiert der Anteil des Körperwassers am Körpergewicht etwa zwischen 45% und 70%.

Ohne Wasserzufuhr könnten wir nur wenige Tage überleben.

An allen Vorgängen im Körper ist Wasser beteiligt. In jeder Zelle laufen ständig Reaktionen auf Wasserbasis ab. Als Lösungs- und Transportmittel im Blut versorgt es die Zellen mit Nährstoffen, regelt den Stoffwechsel, transportiert Schadstoffe ab, reguliert die Körpertemperatur und den Säure/Basenhaushalt und ist an der Ausbildung biologischer Strukturen, z.B. Zellmembranen und der Erbsubstanz DNS beteiligt.

Die ausreichende Durchblutung aller Organe ist entscheidend abhängig vom effektiv zirkulierenden Blutvolumen und da Blut zu über 90% aus Wasser besteht, ist die optimale Wasserversorgung so wichtig.

Um den täglichen Flüssigkeitsbedarf zu ermitteln brauchen wir einige Fakten.

Da ist zunächst die Wasserbilanz. Konzentrieren wir uns auf die Altersgruppe der über 65jährigen.

Der gesunde Mensch muss täglich eine bestimmte Menge gelöster Substanzen (hauptsächlich Natrium, Kalium und Harnstoff) ausscheiden. Gesunde Nieren benötigen dazu mindestens 700ml Urin. Da im Alter die Nierenfunktion abnimmt erhöht sich diese Menge auf ca. 1000ml. Weitere Flüssigkeitsverluste ergeben sich über den Stuhl, die Haut und die Lunge, macht zusammen weitere ca. 1100ml.

Es verseht sich, dass bei Krankheiten, z.B. starkes Schwitzen bei Fieber oder Durchfällen die Verluste deutlich höher sein können.

Dem gegenüber steht die Flüssigkeitsaufnahme über die feste Nahrung von 800ml und das Oxidationswasser durch die Verstoffwechselung der Nährstoffe von 350ml. Das erklärt auch, warum man beim Fasten mehr trinken muss.

Wenn wir die Bilanz erstellen, kommen wir auf Verluste von 2100ml und Zufuhr ohne Flüssigkeit von 1100ml, d.h. Ein täglicher zusätzlicher Bedarf von 1 Liter Flüssigkeit.

Liegt bereits eine Nierenkrankheit vor, erhöht sich dieser Bedarf um ca. 200-300ml.

Es hat sich herausgestellt, dass eine deutlich höhere Flüssigkeitszufuhr bei Nierenkranken zu einem schnelleren Verlust der Nierenfunktion führt, d.h. Eine 24-h Harnmenge von 1500ml ist offensichtlich besser als 2500ml und mehr.

Natürlich gibt es, wie immer im Leben, Ausnahmen: Patienten, die zu Nierensteinen neigen, haben bei höherer Trinkmenge weniger neu gebildete Steine. Darüber hinaus zeigte eine große Studie, dass bei erhöhter Flüssigkeitszufuhr weniger Harnblasentumore auftraten; das gilt besonders für starke Raucher, dem Hauptrisikofaktor für das Blasenkarzinom.

Zuletzt stellen alte Menschen mit ihrem verminderten Durstgefühl ein Problem dar. Dabei handelt es sich in der Regel um Hochbetagte, die in ihrer Alltagskompetenz eingeschränkt sind oder in Heimen leben. In allen anderen Fällen gilt entgegen dem in der Einleitung Gesagten: Verlassen Sie sich auf Ihr Gefühl. Der gesunde Mensch sollte trinken, wenn er durstig ist.


Dr. med. Klaus Schnittert

Facharzt für Innere Medizin